Meine Antworten auf diese Frage lauten: Im Idealfall verändert sich viel weniger als befürchtet. Und im schlimmsten Fall braucht man uns nicht mehr. Aber dann betrifft das nicht nur unsere Branche. Vielmehr haben wir dann vermutlich die Demokratie an die großen Konzerne verloren, Energie und Wasser sind nur noch für den Betrieb der Maschinen da und unser Planet und wir als Menschheit sind am A… Es gibt schlaue Stimmen, die eine solche mögliche Fehlentwicklung warnend skizzieren. Rainer Mühlhoff1 zum Beispiel.
Da ich allerdings hoffnungsvolle Optimistin bin, setze ich meine Energie dafür ein, die erstgenannte Zukunft zu erreichen: Kommunikationsdesign as usual.
Check: Wo stehen wir als Designer:innen im Juni 2026?
Der Druck des großen Systemshifts wächst. KI-Anwendungen (es sind vor allem LLMs2) sind überall angekommen und gehen nicht mehr weg. Gefühlt ist der Einsatz für alle – ob Privatmensch, im Beruf oder als Unternehmen – das aktuelle Must-have, oder besser Must-do. Ohne wird man zu langsam sein, unsichtbar werden, den Anschluss verlieren. Dramatisiert ausgedrückt: untergehen.
KI ist neu. Und Neues ist für Menschen immer interessant. Diese Technik ist allerdings auch verdammt schnell im Raum ergreifen und sich verändern. Diese andauernde Unbeständigkeit mag unser Hirn weniger gern. Wir hecheln der sprunghaften Entwicklung vergebens hinterher und in uns wächst Angst. Angst, abgehängt zu werden und zurückzubleiben. Wer nicht mithalten kann, droht arbeits- und bedeutungslos zu werden. Dazu kommt ein beachtlicher Teil Unsicherheit. Denn die wenigsten von uns können sicher sagen, was sich eben wie genau weltweit so unglaublich schnell entwickelt, geschweige denn, wie die Technik dahinter genau funktioniert. Stärker als die Neugierde wächst also der Druck in uns. Aus dieser kollektiven, leicht panischen Gruppenstimmung heraus wenden sich viele von uns dem Thema auf jede erdenkliche Weise und mit (manchmal sogar zu) viel Elan zu. Andere schließen wiederum die Augen und wollen lieber gar nichts wissen. Beide Wege erscheinen mir mit Blick auf unser eigenes System – also das des Menschen mit Körper und Geist – nicht die gesündesten zu sein. Denn sowohl Aktionismus als auch Vermeidung versetzen uns in Stress. Der hilft uns bekanntlich gut in Situationen, in denen wir schnell entscheiden müssen. Andauernder Stress macht uns hingegen krank (Studien dazu sucht ein LLM der Wahl sicher besser als ich raus).
Gut ist, dass wir emotional in Aufwallung wegen des Neuen sind. Schlechter ist, dass sich dieses spezielle Neue nicht wirklich gut kennenlernen lässt. Und nun platzt in diese Unruhe das Argument des unbedingten Müssens: Wer KI jetzt nicht implementiert, bekommt keine zweite Chance. Emotionaler Overload voraus!
Wer aber hat KI-Technik eigentlich zum Must-have erklärt? Waren es die überschwänglichen Erzählungen der Konzerne, dass damit sämtliche Probleme der Welt zu lösen sind, obwohl es doch nur um Verkauf geht (denn irgendwann müssen die ja auch mal Geld verdienen)? Oder stammt das Narrativ, dass jeder Beruf und jedes Unternehmen sich extrem wandeln wird, aus den vielen Medienbeiträgen, in denen Expert:innen aus Soziologie, Arbeitsethik, Wirtschaftswissenschaften und vielen anderen Bereichen zitiert werden? Expert:innen, die, wie wir alle, live während der rasanten Entwicklung mögliche Zukünfte entwerfen – mit Chancen und Risiken. Niemand weiß also Genaues, nicht mal die LLMs. Sicher ist nur, dass sich negative Nachrichten besser verkaufen und schneller verbreiten.3
Puh. Hatte ich nicht gesagt, ich bin optimistisch? Ich trete leicht schwindelig einen Schritt zurück, atme tief durch und frage mich: Wie wahrscheinlich sind diese Prognosen, und was muss ich jetzt tun, um nicht unterzugehen?
Probleme waren schon immer Chancen
In diesem Moment spüre ich meine Designer:innen-Power. Mein Blick weitet sich. Es erscheint eine große Fläche mit vielen Fragen vor mir, erste Zusammenhänge werden sichtbar. Sofort will ich alles erkunden, strukturieren und herausfinden, was denn die eigentliche Aufgabe hier ist. Für mich, meine Arbeitsweise, meine Auftraggeber:innen und – ja, Design macht es oft nicht drunter – für die Welt. Kommunikationsdesign arbeitet immer mit einer Vision, mit der Produkte und Unternehmen im Designprozess entwickelt werden.
Fun Fact: Genauso agieren die riesigen KI-Konzerne, denn sie wollen Geld verdienen und im Idealfall systemrelevant und damit unabdingbar werden. Ihre Werbestrategie ist FOMO – the fear of missing out. Und wir lassen uns auf- und rumscheuchen und verlieren uns dabei in vielen Fragezeichen. Ich glaube, dass ein wenig mehr Risikoabwägung gesünder für alle wäre. Oder: Wer würde ernsthaft mit verbundenen Augen und einer neuartigen Heckenschere durch die Nachbarschaft ziehen? Aber hey, sie ist groß, glitzernd und kostenlos!
Athanasios Karafillidis schreibt in der taz4 über die Blauäugigkeit, mit der auch Verwaltungen jetzt sofort irgendwas mit KI verbessern wollen. Weil es geht und man es muss. Das hier ist kein Behörden-Bashing. Ebenso viele Unternehmen tappen in dieselbe Falle. Eine neue Technik wird ohne Vorplanung angewendet. Organisationen sollten sich daher nicht zuerst fragen, wo sie den Chatbot oder automatisierte Abfragen einsetzen können, sondern die neue Technologie als Chance begreifen, die eigenen Prozesse betrachten und die passenden Stellschrauben für Verbesserungen finden zu können.
The human in the loop ist zu wenig
Hier kommt Design ins Spiel. Von der Bedarfsanalyse geht es zur Strategie, zur Idee, zur Umsetzung und die Evaluation. Dieser Ansatz funktioniert seit Langem. Als »Design Thinking« wurde es nochmals zu einem Marketing-Supertool, das auch Nicht-Designer:innen gern und zielführend verwenden.
Aber warum unterscheiden wir eigentlich so stark zwischen Designer:innen und denen, die es nicht sind? Menschen erfanden schon immer Dinge, die unser Zusammenleben verbessern. Heute nennt man das in unserer Branche Human Centered Design (oder Planet Centered, wenn man holistischer denkt). Im Grunde ist das allerdings ein Pleonasmus. Gestaltete Lösungen entstehen immer zwischen Menschen für menschliche Problemstellungen: Nach einer Analyse sucht man Ideen und dann dafür die passenden Techniken. Wohlgemerkt als zweiten und dritten Schritt.
Wenn KI also in ein Unternehmen oder die Verwaltung soll, dann wäre es erstmal wichtig, herauszufinden, wo Probleme auftauchen, woher diese wirklich stammen und wer diese wann hat. Und ob sie wirklich systemrelevant sind oder ob das Problem nicht nur ein Symptom für etwas ganz anderes ist. Es ist ein anderer Blick und er macht einen Unterschied. Statt »the human in the loop« bei der Bewertung von KI-Ergebnissen, ist »the human« der Dreh- und Angelpunkt von allem.
2025 erlebte ich Trevor Vaughn beim jährlichen Designkongress BEDA (Bureau of European Design Associations). Er zeigte uns in 30 wirklich vollen Minuten, wie in irischen Ministerien mit dem »Creative Ireland Programme« Design als Methodik verwendet wird, um zum Beispiel Behördengänge für Bürger:innen und die dort arbeitenden Menschen leichtgängiger zu machen.5 Das große Geheimnis? »Werden Regierungs- und Behördenaufgaben als Designaufgaben betrachtet, bekommt man andere Ergebnisse«, so Trevor. Weil auf den Menschen statt auf das System geschaut wird. Ich war baff, dass sich eine Regierung in diesem Umfang darauf einlässt. Denn da wurde kein wirtschaftswissenschaftliches Geheimwissen angewendet oder mit ungesehen brandneuen Neuro-Methodiken gearbeitet. Nein, es ist der gute altbekannte Designprozess: Man nimmt sich die nötige Zeit, um mit allen zu sprechen, Ergebnisse zu dokumentieren, sich für einen Ansatz zu entscheiden, den Prototypen zu bauen und das Ganze iterativ zu begleiten. Wow.
Wir cool wäre es, wenn wir uns von starren Schritt-für-Schritt-zum-Glück-Arbeitsweisen lösten und akzeptierten, dass Organisationen (aller Art) lebendige Systeme sind. Denn dann könnten alle mit einer offenen Haltung sich der jeweiligen Aufgabe widmen und gemeinsam eine möglichst gute Lösung finden.
Ja, das kostet vordergründig (in Wahrheit stimmt es natürlich nicht, fragt die KI) mehr Zeit und Kraft, wenn man mit statt für Menschen innoviert. Disruption durch neue Technik wird überall unter dem Versprechen einer besseren Zukunft verkauft. Wie bereits erwähnt, haben die Anbieter von KI-Tools zufälligerweise richtig große PR- und Werbebudgets. So erscheint vielen von uns das Neue zwangsläufig als Heilsbringer. Aber da wir Menschen alle Designer:innen sind, ist das Denken wie das Machen mit Design nachhaltiger, langlebiger und erreicht am Ende mehr – seien es Konsument:innen, Nutzer:innen, Bürger:innen, ….
In »Change by design or by disaster« verdichtet sich dies: Wir können bewusst entscheiden oder es wird für uns entschieden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Disruption das Beste für alle rausholt, ist mit Blick in die Geschichte eher gering.
Und wenn wir mit KI – sofern ethisch sauber und nachhaltig für die Welt – ein neues Tool erhalten, das uns unterstützt, dann her damit! Faxe, schnelle Zugverbindungen zwischen Städten oder Online-Calls wurden auch erfolgreich in den Designprozess integriert. Beim BDG gibt es übrigens das »BASE-Modell«. Es ist eine Matrix für den Designprozess udn kann von Kalkulation bis Ausführung eingesetzt werden. Und an den entsprechenden Stellen kann jede:r ihre oder seine KI-Angebote ergänzen.
Fazit: Kommunikationsdesign bleibt relevant. Wir müssen nur viel mehr Menschen um uns herum einladen, mit zu gestalten. Und vielleicht ändert sich dann doch was, weil wir weniger eine eigene Branche bleiben, sondern mehr integraler Bestandteil von Unternehmungen aller Art sind. Wir werden mehr werden. Und das, finde ich, ist eine ziemlich tolle Aussicht.
Dieser Beitrag ist ein Teil von „Was denkst du … über KI?“
Wir blicken in dieser Blog-Serie ganz persönlich und/oder aus unterschiedlichen Perspektiven auf den Themenkomplex. Miriam, Marc und Simon haben das vor mir gemacht. Viele Gedanken, alle ohne Anspruch auf Vollständigkeit – aber als Einladung zum Weiterdenken und Mitdiskutieren. Wenn du deine Perspektive teilen willst, kommentiere oder sende uns deinen Blogbeitrag unter perspektiven@bdg.de
- Rainer Mühlhoff ist Philosophie-Professor an der Universität Osnabrück und von ihm erschien 2025 im Reclam-Verlag »KI und der neue Faschismus«. Wer nicht lesen will, der schaue seinen re-publica-26-Beitrag oder höre ihn hier zum Beispiel beim Philosophischen Radio des WDR. Spoiler: Nichts für nebenher. ↩︎
- LLM = Large Language Models, zu Deutsch Große Sprachmodelle. Das System basiert auf Wahscheinlichkeiten und hat statistische Wort- und Satzfolge-Beziehungen aus einer Vielzahl von Textdokumenten durch einen rechenintensiven Trainingsprozess erlernt, mehr bei Wikipedia. ↩︎
- Wie und warum unser Hirn das macht, hat man ausreichend untersucht (auch hier hat ein LLM sicher gute Leseempfehlungen). Und: Es gibt zum Glück Nachrichtenanbieter wie Krautreporter oder Perspective Daily, die bewusst anders berichten. ↩︎
- Besondern mag ich seine Aussage zu »organisierte Kommunikation«. Der ganze Artikel ist hier zu lesen. ↩︎
- Einen ähnlichen, aber genauso sehenswerten Vortrag von ihm findet sich hier. Für Deutschland ist zum Beispiel die Gestaltungszentrale and em Thema dran. ↩︎

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