Antirassistisch gestalten – Teil 2: Es geht um mehr als korrekte Begriffe

Fabienne Schovenberg 5. Juli 2021

In Teil 1 dieser Artikelreihe ging es darum, was Rassismus eigentlich ist, was weiße Menschen mit Rassismus zu tun haben und darum, dass Rassismuskritik kein Angriff gegenüber weißen Menschen ist.

Triggerwarnung: Auch, wenn ich mich bemüht habe, diskriminierende Begriffe zu vermeiden, habe ich in diesem Artikel manche diskriminierenden Begriffe mit Bezug auf Menschen mit Behinderungen, homosexuelle Menschen und Black, Indigenous, People of Color als Negativbeispiele für diskriminierende Sprache ausgeschrieben, die wir aus unserem Sprachgebrauch streichen sollten.

Gespräche über Rassismus fangen oft mit Diskussionen über korrekte Begriffe an. Was darf man sagen? Was nicht? Und wieso? Leider hören Gespräche über Rassismus oft auch an der Stelle schon wieder auf. Sprache ist super wichtig, keine Frage. Die Sprache und die Begriffe, die wir verwenden, spiegeln unser Weltbild wider und prägen es gleichzeitig. Über die Begriffe an sich hinaus geht es darum, welche Geschichte und Bedeutung hinter der Sprache steht, die wir verwenden. Rassismus betrifft aber noch weit mehr als nur unsere Sprache und es gibt Rassismus in allen möglichen Bereichen unseres Lebens. Ich widme mich in diesem Artikel dem Thema antirassistische Sprache, weil das ein ganz einfacher und alltäglicher Ansatzpunkt für uns alle ist, mit dem wir viel bewirken können und weil unser Umgang mit Sprache besonders für Kommunikationsdesigner:innen interessant ist. Denn durch bestimmte Begriffe und Schreibweisen können wir uns und andere gegen Rassismus positionieren. Das hier soll also nicht das Ende einer Diskussion sein, sondern ein Anfang.

Diskriminierende Sprache

Wir verwenden diskriminierende Begriffe, vielleicht sogar ohne uns ihrer Bedeutung bewusst zu sein – und das nicht nur im Bezug auf Rassismus. Das mag noch ziemlich offensichtlich erscheinen, wenn Worte wie behindert, Spasti oder schwul als Schimpfwörter verwendet werden – und selbst hier würde ich vermuten, dass diese Begriffe oft fallen, ohne dass sich die Schimpfenden über ihre diskriminierende Bedeutung gegenüber Menschen mit Behinderungen und homosexuellen Menschen bewusst sind. Aber diskriminierende und auch rassistische Sprache geht weit über offensichtliche Beleidigungen hinaus: von Aussagen wie „Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock!“ oder „Du könntest genauso gut Chinesisch mit mir reden – das versteh ich auch nicht.“, über Schnitzel mit Z*******-Soße auf Speisekarten bis hin zu E*****-Küssen (Nasenküssen) im Kindergarten. Wenn wir darüber nachdenken und unsere eigene Sprache beobachten, fallen uns sicher noch mehr Beispiele ein. Menschen, die von solchen Begriffen nicht diskriminiert werden, benutzen sie vielleicht oft, ohne sich ihrer Bedeutung und ihrer Wirkung auf andere bewusst zu sein. Es spielt dabei auch keine Rolle, wie wir etwas meinen, wenn es jemand anderen diskriminiert. Wenn uns ein Begriff nicht diskriminierend erscheint, bedeutet das aber nicht, dass er nicht diskriminierend ist. Es bedeutet nur, dass wir von ihm nicht diskriminiert werden. Vielleicht kommt es uns deswegen auch erstmal übertrieben vor, dass N****-Küsse jetzt Schokoküsse heißen oder rassistische Stereotypen in alten Kindergeschichten überarbeitet werden. Mit so einer Einstellung zeigen wir aber nach außen, dass uns unsere Gewohnheiten wichtiger sind, als unseren Mitmenschen of Color Diskriminierung im Alltag zu ersparen. Auch hier fühlen wir uns angegriffen oder sehen das kritisiert, was uns lieb ist. Dabei geht es gar nicht darum, diese Dinge schlecht zu reden, sondern die Rassismen zu kritisieren, die in unseren Gewohnheiten stecken und in den Dingen, die uns lieb sind. Es tut niemandem weh – ganz im Gegenteil –, anstelle von N****-Kuss Schokokuss zu sagen, anstelle von I******* amerikanische Ureinwohner, anstelle von E*****-Kuss Nasenkuss und auch die geliebte Z*******-Soße umzubenennen, wie es z. B. Knorr bereits getan hat.1

Weiß und Schwarz sind keine Hautfarben

Es gibt also einige diskriminierende Begriffe, die wir aus unserem Wortschatz streichen sollten – auch, um Platz zu schaffen für Bezeichnungen, die frei von Diskriminierung sind. Wie ich am Anfang des ersten Artikels dieser Reihe schon einmal kurz erwähnt habe, hat es einen besonderen Grund, dass die Begriffe weiß und Schwarz in diesem Artikel kursiv bzw. groß geschrieben sind. Wie bei Rassismus generell, geht es auch hier um mehr als um Hautfarbe. Um das besser zu verstehen, helfen z. B. die Definitionen auf der Seite des Migrationsrats Berlin e. V. „Schwarz ist eine politische Selbstbezeichnung, deswegen wird diese immer großgeschrieben. Sie bezieht sich nicht auf ein Aussehen, sondern auf eine gemeinsame Position in der Gesellschaft und damit auch gemeinsame Erfahrungen.“2 „(…) weiß (hingegen ist) keine Selbstbezeichnung, sondern die Beschreibung einer Realität. Weiß-Sein bedeutet, Privilegien und Macht zu besitzen, wie zum Beispiel das Privileg, sich nicht mit Rassismus auseinanderzusetzen zu müssen. Weiße Menschen haben in Bezug aufs Weiß-Sein leichtere Zugänge zum Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, zu Gesundheitsversorgung und politischer Teilnahme als BIPoC. (…) Weiß-Sein wird als Norm etabliert und als solche nie benannt. Dabei geht es nicht um Hautfarben, sondern politische Begriffe, die den Zugang zu Macht beschreiben.“3 Wenn wir uns für diese Schreibweisen entscheiden, machen wir also nicht nur deutlich, dass wir uns mit Rassismus und rassistischer Sprache beschäftigen. Wir respektieren damit auch unsere Schwarzen Mitmenschen, indem wir einen Begriff verwenden, der die Probleme durch Rassismus anerkennt und gleichzeitig für Selbstbestimmung Schwarzer Menschen steht. Ähnliches gilt für die Bezeichnung und kursive Schreibweise von weiß. Hiermit machen weiße Menschen sich selbst und anderen ihre Privilegien durch Rassismus bewusst, sowie ihre Macht und Verantwortung, gegen Rassismus vorzugehen. Außerdem wird so Weiß-Sein als Norm in Frage gestellt. Es wird zu einer Kategorie von vielen. Spannend ist auch ein Blick in die Geschichte der Bedeutung des Begriffs weiß: „Für viele Menschen ist es anfänglich schwer zu verstehen, dass es in der rassistischen Ideologie nicht um Hautfarben im eigentlichen Sinne geht. Betrachten wir jedoch die Entwicklung von Weiß-Sein, wird schnell klar, dass Menschen, die heute als weiß gelten, dies nicht immer taten. Beispielsweise forderten Hafenarbeiter im New York des 19. Jahrhunderts, ihr Viertel solle weiß bleiben und damit meinten sie neben z. B. Afro-Amerikaner:innen ‚keine Ir:innen‘ und ‚keine Deutschen‘.“4 Auch hier zeigt sich wieder, wie willkürlich und unlogisch rassistische Kategorien sind und wie sie von weißen Menschen je nach Bedarf angepasst werden.

Auf der Suche nach Balance

Es ist diskriminierend und beleidigend, wenn eine weiße Person Fremdbezeichnungen verwendet, wie z. B. das N-Wort für Schwarze Menschen, das I-Wort für amerikanische Ureinwohner oder auch Begriffe wie Farbige:r. Solche diskriminierenden Fremdbezeichnungen wurden People of Color von weißen Menschen auferlegt.5 Stattdessen sollten Begriffe verwendet werden, mit denen People of Color sich selbst bezeichnen, sogenannte politische Selbstbezeichnungen. Diese Begriffe sind aus einem Widerstand entstanden und stehen bis heute für die Kämpfe gegen Unterdrückungen und für mehr Gleichberechtigung.6 Auch der Begriff Black, Indigenous, People of Color (kurz BIPoC, gesprochen: beipok) ist eine solche politische Selbstbezeichnung. Diesen Begriff verwenden Menschen, die rassistische Diskriminierungen in weißen Mehrheitsgesellschaften erfahren, als gemeinsame politische Selbstbenennung.7 Wir verwenden den Begriff Black, Indigenous, People of Color in diesem Artikel (oder verkürzt People of Color oder den Zusatz of Color) in der Hoffnung, damit unseren Leser:innen of Color gerecht zu werden und um deutlich zu machen, dass von Rassismus viele Gruppen von Menschen betroffen sind. Die Schwierigkeit im Umgang mit dem Begriff People of Color ist, dass hiermit alle nicht-weißen Menschen zusammengefasst werden. Dabei entsteht ein Balanceakt aus dem Versuch, diskriminierungsfreie Begriffe zu verwenden, ohne dabei Menschen mit unterschiedlichen (Diskriminierungs-)Erfahrungen in einen Topf zu schmeißen. Schließlich handelt es sich um unterschiedliche Gruppen von Menschen und auch um Individuen. Es kann sein, dass sich eine Schwarze Person nicht von Bezeichnungen wie Farbige:r oder dunkelhäutig diskriminiert fühlt, oder sie sich nicht mit der Bezeichnung Schwarz identifiziert. Es kann aber auch genau anders herum sein. Es kann auch sein, dass sich Schwarze Menschen untereinander mit dem N-Wort ansprechen. Es ist allen selbst überlassen, wie sie sich selbst bezeichnen, da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Wenn wir aber über andere Menschen sprechen, sollten wir darauf achten, das so respektvoll und diskriminierungsfrei wie möglich zu tun. Wichtig ist, dass wir weder von vielen auf jede:n Einzelne:n schließen, noch von einer einzelnen Person auf alle anderen. Eine Person of Color ist nicht repräsentativ für alle People of Color. Und keine Person of Color ist weißen Personen gegenüber Rechenschaft oder Erklärungen schuldig.

Bei dem, was einem auf den ersten Blick wie ein Minenfeld aus Begriffen vorkommen kann, laufen wir Gefahr zu verkrampfen. Dabei ist das ein bekannter Design-Prozess: eine Iteration. Das bedeutet sensibel sein, zuhören und versuchen, aus Fehlern zu lernen, es in Zukunft besser zu machen. Wenn wir ab sofort für alle nicht-weißen Menschen immer nur noch den Begriff BIPoC verwenden, fühlen wir uns vielleicht auf der sicheren Seite, machen es uns aber auch sehr einfach. Dabei müssen wir vor konkreten Bezeichnungen nicht zurückscheuen. Wenn wir uns auf eine Schwarze Person beziehen, können wir sie auch als Schwarze Person bezeichnen. Wenn wir uns auf eine weiße Person beziehen, können wir sie als weiß bezeichnen. Vielleicht spielt das Schwarz- oder weiß-Sein aber in der Situation auch gar keine Rolle und wir müssen weder das eine, noch das andere ansprechen. Stattdessen können wir unsere Vorstellungen herausfordern und uns anstatt einer weißen Person ganz unterschiedliche Menschen vorstellen, wenn wir nicht wissen, wie eine Person aussieht. Marie Beecham, die sich auf Instagram selbst als Antiracism Educator bezeichnet, geht in einem Post darauf ein, dass nichts dagegen spricht, die Bezeichnung Schwarz zu verwenden. Wenn man sich vor der Verwendung des Begriffs scheut, kann das auch vermitteln, Schwarz sei etwas Schlechtes oder der Begriff sei ein Tabu. Den Begriff hingegen in einem angemessenen, nicht diskriminierenden Kontext zu verwenden, kann dazu beitragen, Schwarz-Sein ebenfalls als Norm und als etwas Positives zu begreifen. Marie Beecham betont in diesem Post auch, dass Sprache dynamisch ist und man auch einen korrekten Begriff unkorrekt verwenden kann (z. B. durch Verallgemeinerung, wenn man alle nicht weißen Menschen nur noch als People of Color bezeichnet und dadurch Unterschiede, Individualität und Identität verwischt, oder wenn man eine Person auf ihr Schwarz-Sein reduziert). Sie rät dazu, Kritik am eigenen Sprachgebrauch im Hinblick auf Rassismus ernst zu nehmen, respektvoll und lernbereit zu bleiben.

Kommunikationsdesigner:innen wissen die Bedeutung von Details zu schätzen. Oft verbringen wir viel Zeit mit Überlegungen und Entscheidungen im Designprozess, die am Ende scheinbar niemandem mehr auffallen. Und doch tragen sie, bewusst oder unterbewusst, zu einem stimmigen Gesamtbild bei und hinterlassen einen Eindruck bei den Betrachter:innen. Auch in Bezug auf Rassismus können wir hier Stellung beziehen und Einfluss nehmen: z. B. inhaltlich durch eine bedachte Wahl von Begriffen und Bezeichnungen, und typografisch durch Kursiv- und Großschreibung. Scheinbare Kleinigkeiten mit großer Bedeutung. Das ist ein guter Anfang. Gleichzeitig ist es nur eine Spitze des Rassismus-Eisbergs. Im Grunde geht es darum, sich rassistischer Diskriminierung auf allen Ebenen bewusst zu werden und ein vielfältigeres Weltbild zu trainieren. In dem wir sensibler dafür sind, dass weiß nicht die Norm sein muss und dass unsere Sicht auf die Dinge nicht die einzige und auch nicht unbedingt eine richtige ist. In dem wir die Realität und die Empfindungen unserer Mitmenschen of Color sehen und ernst nehmen und dazu beitragen, rassistische Diskriminierung abzubauen und Vielfalt zu zelebrieren.

Danke an die Co-Autorin

Da wir uns direkt zum Start unseres Blogs mit dem (nicht) leichten Thema Rassismus beschäftigen, hat das ganze Perspektiven-Team seine Blicke auf diese Artikelreihe geworfen und fleißig Feedback gegeben. Ganz besonders unterstützt hat mich Miriam, meine Gedanken zum Thema Rassismus zu ordnen und sie so zu schleifen, dass daraus drei hoffentlich verständliche, hilfreiche und anregende Texte geworden sind. Dabei sind sowohl hinter als auch in den Artikeln Miriams eigene Erfahrungen und Erkenntnisse eingeflossen.

Weiterführende Lektüre, Quellen und Personen

Wir möchten uns bei allen Inspirator:innen bedanken, die antirassistische Bildungs-/Arbeit leisten! Im Folgenden sind einige Personen und Organisationen aufgelistet, die diesen Artikel inspiriert haben, uns als weißen Autor:innen, Menschen und Gestalter:innen helfen, Rassismus besser zu verstehen und die Welt antirassistischer mitzugestalten. Bei der Fülle an Informationen zum Thema Rassismus, die heute zugänglich sind, ist es leichter denn je, selbst Verantwortung zu übernehmen, sich aktiv über Rassismus zu informieren und unsere Welt antirassistisch mitzugestalten.

Alice Hasters – Journalistin, Autorin, Podcast-Moderatorin
Autorin des Buchs „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“
@alice_haruko
Podcast Feuer und Brot

Aminata Touré – Politikerin, Vizepräsidentin im Landtag Schleswig-Holstein, Abgeordnete der Grünen in Schleswig-Holstein, Autorin
Autorin des Buchs „Wir können mehr sein – Die Macht der Vielfalt“
@aminajmina

@beautifulcolours_

@blklivesmatter

@familiarfaces.de

@mariebeech

www.migrationsrat.de
Die Seite bietet u. a. ein Glossar mit Erläuterungen einiger zentraler Begriffe rund ums Thema Diskriminierung und Vielfalt.

Noah Sow – deutsche Autorin, Musikerin, Label-Betreiberin, Aktivistin, Medienkritikerin, Produzentin und Künstlerin, die sich intensiv in unterschiedlichen Projekten der Antirassismus-Arbeit engagiert
Autorin des Buchs „Deutschland Schwarz weiß“

@riceandshine

Tupoka Ogette – Bestseller-Autorin, Trainerin und Beraterin für Rassismuskritik und Antirassismus im deutschsprachigen Raum
Buch „exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen“
www.tupokademie.de
@tupoka.o – Tupoka Ogette und ihr Team machen zur Zeit eine Pause von Social Media. Der Kanal wird bald wieder verfügbar sein.

@verbuendete_r_sein

@weare.anti_rassismus_edukation

Leitfaden „Wie erkläre ich Kindern Rassismus? Eine Anleitung für Eltern und Erwachsene“
https://familiarfaces.de/wieerklaereichkindernrassismus/

@woherkommstduwirklich

Und viele weitere!

Fußnoten / Anmerkungen

  1. Der Konzern Knorr hat die Z*******-Soße in Paprikasauce Ungarischer Art umbenannt. Quelle: Vgl. https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/heilbronn/knorr-heilbronn-zigeunersosse-102.html. Zugriff am 30.06.2021.
  2. Quelle: http://www.migrationsrat.de/glossar/schwarz/. Zugriff am: 03.03.2021.
  3. Quelle: http://www.migrationsrat.de/glossar/weiss/. Zugriff am: 03.03.2021.
  4. Quelle: http://www.migrationsrat.de/glossar/hautfarbe/. Zugriff am: 05.03.2021.
  5. Quelle: Vgl. Noah Sow (2009 / 4. Auflage): Deutschland Schwarz Weiß. Wilhelm Goldmann Verlag: München. S. 21 ff. Zugriff über https://www.weltbild.at/media/txt/pdf/9783442155750-100245169-deutschland-schwarz-weiss.pdf. Zugriff am 02.07.2021.
  6. Quelle: Vgl. http://www.migrationsrat.de/glossar/bipoc/. Zugriff am: 03.03.2021.
  7. Quelle: Vgl. http://www.migrationsrat.de/glossar/people-of-color-2/. Zugriff am: 03.03.2021.

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